Teil 1

R. Reiman

Das Evangelium ist das Herzstück der Heiligen Schrift. Es geht von Gott aus und offenbart die gute Botschaft von der Errettung des verlorenen Menschen durch den Sohn Gottes, Jesus Christus. Dessen vollkommenes Erlösungswerk am Kreuz steht im Zentrum der Heilsbotschaft, weshalb Gott seinen Sohn zum Retter dieser Welt erhöht hat, damit jeder, der an ihn glaubt, gerettet wird. Dies ist im Grunde genommen die Kernaussage des Evangeliums. Die wesentlichen Zusammenhänge sollten daher jedem sich zu Christus bekennenden Gläubigen bekannt sein. In der Praxis scheint dies jedoch nicht selbstverständlich. Darüber hinaus gibt es sehr viele Menschen, die sich zwar als gottgläubig einschätzen oder gar als Christen bezeichnen, jedoch das Evangelium nicht erklären können oder wenn, dann nur äußerst diffus und fragmentarisch. Die Gründe hierfür mögen vielschichtig sein, wurzeln jedoch im historisch bedingten erbitterten geistlichen Kampf um die (Um-)Deutungshoheit des geoffenbarten Wortes Gottes.   

Inhalt

Vorwort

Dann und wann eröffnet sich die Gelegenheit, das Evangelium im Kreise einer geselligen Runde spontan einzuwerfen. Zumeist sind es kurze Momente, ganz kleine Zeitspannen, Stichwörter oder Gesprächslücken, die dir die Chance geben, auf das Wort Gottes hinzuweisen und in der Runde zu platzieren. Wenn es nun gelingt, für einen Augenblick Aufmerksamkeit zu erwecken und Ruhe zu erbeuten, dann bleibt dir gerade mal ein kleines Zeitfenster, den geeigneten Satz treffend und pointiert absetzen zu können – ein Bibelzitat, ein Hinweis auf Jesus Christus, ein tagesaktueller Zeitbezug zur Bibel oder ähnlich.

Was dann passiert läuft erfahrungsgemäß mehr oder weniger nach ähnlichem Muster ab. Der eine springt wie von der Tarantel gebissen auf und flüchtet aufs WC, der andere blickt verstohlen auf die Uhr und fuchtelt nach dem Kellner, ein dritter kramt sein Handy hervor und wischt zügig das unverhofft aufgekreuzte Gesprächsthema weg. Nun, wenn du da durch bist und es schaffst, nachzulegen und die Aufmerksamkeit wieder an dich zu binden, kehrt zuweilen ein kurzfristiges, verklemmtes Schweigen ein. Das ist genau der Moment, in dem du am liebsten alles gleichzeitig erklären möchtest – Sündenfall, Sintflut, Israel, Messias, Sühnopfer, Auferstehung, Erlösung…Wiederkunft.
Du siehst eingefrorene Gesichter, zusammengezogene Schultern, auf- und abrollende Finger an der Serviette und ringst danach, irgendwie vorzudringen. Die Barriere scheint jedoch unüberwindbar, eine unsichtbare Wand hat sich vor die Runde geschoben. Du hoffst: Lieber Gott, hilf mir da durch, was soll ich sagen

Derartige Szenen dauern höchstens eine Minute lang, wenn überhaupt, und lösen sich meist durch abrupte Themenwechsel oder sinnbefreite Schmähs auf. Es ist erstaunlich, wie selten man entspannte Gespräche über die Bibel und das Evangelium führen kann, obwohl sich die meisten Gesprächspartner hierzulande christlich wähnen. Sehr viele scheinen dem Christsein völlig entfremdet. Ihnen fehlen die Glaubensgrundlagen, Einsichten und Bezugspunkte. Daher können sie biblische Zusammenhänge nicht einordnen, geschweige denn mit der Gegenwart verknüpfen. Weil sie keine Glaubensfragen stellen (wollen), erhalten sie auch keine Glaubensantworten. Dem Papier nach mögen sie zwar einer „christlichen Religion“ angehören, doch ein Glaube im Sinne von Gottvertrauen und tiefer Verbundenheit ist kaum oder nicht erkennbar. Der Herr Jesus Christus versichert uns, dass ein Suchender finden, einem Bittenden gegeben und einem Anklopfenden aufgetan wird (Mat 7,7-8). Der Mensch muss also auf der Suche nach der Wahrheit ein gewisses Mindestmaß an Aktivität zeigen. Doch durch Nachlässigkeit und in Ermangelung der Erkenntnis scheint vielen das Evangelium verhüllt zu sein.

Die Geschichte des (Namen-) Christentums ist gleichzeitig auch die Geschichte der Evangeliums-Verhüllung. So verheißt uns die Schrift, dass diese Weltzeit zwar ausreifen muss, doch am Ende der Tage abgerechnet wird. Je näher wir ans Ende rücken, desto sichtbarer werden ihre Früchte. Gute sowie böse Saat wird seit dem Erlösungswerk des Herrn unaufhörlich gestreut – bis zum heutigen Tag. Allerdings reicht die Aussaat der heute heranreifenden Früchte mitunter weit in die Geschichte zurück. Daher sollten wir bedenken, dass der derzeitige Zustand des (Namen-) Christentums nicht losgelöst von seiner Reifezeit beurteilt werden kann. Ein fragmentarischer Streifzug durch die lichte und finstere Vorgeschichte soll zum näheren Verständnis beitragen.  

Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen

Nachdem der Herr Jesus Christus die Aposteln mit der Verwaltung, Verbreitung und Bewahrung des Glaubensguts beauftragt hatte, setzte sogleich ein verbissener, zäher und bis heute anhaltender (mörderischer) Krieg gegen das Wort der Wahrheit ein. Zu jener Zeit wurden die dämonischen Kräfte auf ein Höchstmaß entfacht. Der Feind wollte mit allen nur erdenklichen Mitteln die Verbreitung des Wortes Gottes vereiteln. Anhand der apostolischen Briefe erfahren wir, womit die noch jungen Gemeinden zu kämpfen hatten und mit welchen perfiden Methoden sie infiltriert wurden. Zum einen mussten sie sich vor der Vereinnahmung des im alten Bund verharrenden Judentums abgrenzen, zum anderen galt es, jegliche Form heidnischer Götzenkulte fernzuhalten. Hinzu kamen die damals populären gnostizistischen Lehren und Philosophien, die sehr effizient gegen die göttliche Wahrheit in Stellung gebracht wurden. Die Heiligen Schriften (zu jener Zeit war die Bibel noch nicht vollständig), insbesondere die Briefe des Apostel Paulus, nahmen diese Entwicklung vorweg und warnten gleichzeitig vor der Zersetzung der Gemeinde durch falsche Apostel, Irrlehrer und verfälschte Evangelien. 

Nach der prophezeiten Zerstörung des 2. jüdischen Tempels im Jahre 70 durch die Römischen Heere unter Titus und die damit verbundene Chaotisierung in Israel im 1. und 2. Jahrhundert konnten sich zahlreiche Gemeinden im Nahen Osten und im Mittelmeerraum bilden, die freilich regionalbedingt mit mehr oder minder ausufernden Bedrängnissen und Verfolgungen zu kämpfen hatten. Insbesondere das noch alles beherrschende Römische Imperium sah sich durch den Absolutheitsanspruch des Reiches Gottes unter Jesus Christus, dem König der Könige und Herr der Herren (Offb 17,14; 19,16), und die hoffnungsvolle frohe Heilsbotschaft des Evangeliums, empfindlich gestört. Daher galt es auf jeden Fall, das Wachstum der sich ausbreitenden Christengemeinden aufzuhalten und deren Strukturen zu zerstören. Die römischen Feldzüge und grausamen Christenverfolgungen waren im Kern Angriffe auf Jesus Christus und das Evangelium schlechthin, weil hiermit der bis dato (zwangsweise) induzierten und alternativlos deklarierten multikulturellen Gesellschaftsarchitektur – basierend auf Kaiserkult, Polytheismus und Toleranz – schlicht die Schöpfungsrealität gegenübergestellt wurde.

Im Klartext: Gott, unser aller Lebengeber, schlägt nunmehr mit der weltweiten Verkündigung des Evangeliums ein neues Kapitel seines Heilsplans auf und setzt somit allen Völkern ein Ultimatum, nämlich umzukehren und Buße zu tun. Dabei wird jeder einzelne Mensch gleichberechtigt als ein Geschöpf Gottes direkt und ohne Ansehen der Person angesprochen, seine Verantwortung gegenüber seinem Schöpfer wahrzunehmen. Der Lohn wird das Ewige Leben sein. Der Zutritt zum Ewigen Leben ist jedoch ausschließlich durch die Annahme des Sohn Gottes Jesus Christus möglich, der seit seiner Auferstehung vom Sühntod und der Himmelfahrt als König und Hohepriester zur rechten Gottes sitzt.

Es ist selbstredend, dass hiermit den Allmachtsphantasien der römischen Imperatoren der Riegel vorgeschoben wurde. Ihre von Gott gebilligten, relativen Machtbefugnisse enden kurzerhand an der Tür des Evangeliums. Damit wird ihnen auch der vermeintlich uneingeschränkte Einfluss auf den einzelnen Menschen entzogen. Trotz verheerender Verfolgungen und Massaker ohnegleichen konnte die Verbreitung des Evangeliums nicht verhindert werden. Dieser Hass der Welt gegen seine Jünger und Nachfolger untermauert Jesus Christus durch die Ankündigung von Verfolgungen – ein Charakteristikum, das bis ans Ende der Tage fortbestehen würde. 

Johannes 15, 20-21
Gedenkt an das Wort, das ich zu euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen; haben sie auf mein Wort [argwöhnisch] achtgehabt, so werden sie auch auf das eure [argwöhnisch] achthaben. Aber das alles werden sie euch antun um meines Namens willen; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat.

Hütet euch vor dem Sauerteig

Nach dem vorläufigen Niedergang des Antiken Rom braute sich der nächste Sturm auf das Evangelium zusammen, denn die Stunde des römisch-klerikalen Machtzirkels wurde eingeläutet. Zu jener Zeit waren die Apostel und ihre Schüler längst verstorben. Die sich ausweitenden und zum Teil zersplitterten (mitunter rivalisierenden) Gemeinden wurden hie und dort durch verschiedene Ereignisse bedrängt, verfolgt, verunsichert und/oder aufgerieben (Irrlehren, Neuoffenbarungen, Brieffälschungen etc.). Das Römische Reich durchlebte eine äußerst instabile Übergangsphase.

Aus geistlicher Sicht brach nunmehr die Strategie der sukzessiven Vereinnahmung des christlichen Glaubens durch den aufkeimenden römischen Klerus mit ihren säkularen Verbündeten an, die nun im 4. Jahrhundert konkrete Formen annehmen sollte. Grundlage hierfür war die (notgedrungene) Legalisierung des christlichen Glaubens innerhalb des Römischen Reiches unter dem römischen Kaiser Konstantin I (Regent von 306-337 n. Chr.), um die mittlerweile ins Wanken geratene öffentliche Ordnung sicherzustellen. Mit dem Toleranzedikt des Galerius (311 n. Chr.) wurde die Christenverfolgung offiziell eingestellt. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit war jedoch nicht wirklich das angestrebte Ziel. Vielmehr zeigte sich, dass die römische klerikale und weltliche Elite die Struktur einer allumfassenden und uneingeschränkten Theokratie anvisierte. Mit dem 1. Konzil von Nicäa (325 n. Chr.) wurde dann der Sack zugemacht. Die Römische Kirche war im Prinzip konstituiert. Die Lehrausrichtung war grundlegend ökumenisch und daher seit ihrer Entstehungsgeschichte antichristlich. Rom wurde zu einem autokratischen Machtzentrum trauter Dualität zwischen Kaisertum (Politik) und Klerus (Kirche) – ein bis dato unvergleichbarer Machtkomplex, der bis in die Gegenwart Bestand hat. Selbst die großen Kirchenabspaltungen im Laufe der Geschichte (v.a. Orthodoxe Kirche, Anglikanische Kirche, Evangelische Kirchen…) konnten daran nichts ändern. 

Wenn uns der Herr Jesus Christus explizit und in einem Atemzug vor dem Sauerteig der Pharisäer (Religion) und vor dem Sauerteig des Herodes (Politik) warnt, dann hebt er insbesondere die unheilvolle Allianz zwischen Religion und Politik hervor. In ihr steckt augenscheinlich ein gewisses Grundmuster des Machtmissbrauchs. An der Kreuzigung des Herrn wurde diese Tatsache ein für alle mal offengelegt. 

Markus 8,15
Da gebot er ihnen und sprach: Seht euch vor, hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und vor dem Sauerteig des Herodes!

Die "Hure Babylon" wird angezüchtet

Die an Einfluss stets zunehmende Römische Kirche verstand es, heidnische Bräuche, antike Götterkulte und philosophisch gnostizistisches Gedankengut geschickt in die eigenen Lehren einzupflegen und sich dabei nach außen hin gottgewollt und christlich darzustellen. In Wahrheit jedoch ist sie die Ausgeburt einer allumfänglichen Babylonische Mysterienreligion (Off 17,18). Ihre eigenen Lehren, ein üppiges beredtes geschichtliches Zeugnis sowie religionswissenschaftliche Expertisen belegen dieses Faktum eindeutig und unübersehbar. Demnach hat die Römische Glaubenslehre definitiv nichts mit dem Evangelium der Heiligen Schrift zu tun. Ein besonders pikantes Detail am Rande entlarvt die Bezeichnung Pontifex Maximus, eine uralte bis 500 Jahre vor Christus zurückreichende Betitelung des Obersten Priesters des römischen Götterkults, die durch die katholischen Päpste (Bischof von Rom) wieder aufgegriffen wurde.

Mit Augustinus (354-430 n. Chr.), Bischof von Rom und Kirchenlehrer, betrat dann ein absoluter Hardliner die klerikale Weltbühne. Er gilt als das Urgestein der römisch katholischen Theologie. Der bis in die Gegenwart hochgeschätzte katholische Prinzipal Augustinus pflegte sprichwörtlich „alles, was Gott verboten hat“ in die Römische Kirchenlehre ein, womit er rundum das Evangelium bis zur Unkenntlichkeit zersetzte. Es ist schon erstaunlich, mit welch einer Impertinenz die Römische Kirche ihre Rekonstruktion des Heidnischen und des flammenden Götzenkults bereits damals hinter einer christlichen Fassade zu verstecken vermochte, wenngleich dieses Konzept keineswegs reibungslos vor sich ging und eine ungeheure jahrhundertelang andauernde Tragödie nach sich zog. Denn diese im Dunkel der Frühgeschichte zusammengebraute okkult-heidnische Mixtur mit christlichem Facelifting war nur als Zwangs-Religion durchzusetzen, wollte man eine mächtige und nachhaltige Unterwerfungs-Maschinerie sicherstellen. Und so brüteten die (Kirchen-) Fürsten dieser Welt die Reichskirche aus, die später in die Staatskirche überging und folglich als Amtskirche zu einer geradezu unanfechtbaren Körperschaft kreiert wurde. In der Lebensrealität schlug sich der selbsternannte Gottesstaat buchstäblich nach der Devise „Bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“ durch die Völker. Dabei wurde alles und jeder, der nur ansatzweise dem Duktus der Kirchenfürsten zuwiderlief, aus dem Weg geräumt; wohlgemerkt: Hand in Hand mit dem weltlichen Staatsapparat, der Politik. 

Berauscht vom Blut der Heiligen und vom Blut der Zeugen Jesu

Wir können uns das Ausmaß des Leids, das die Römische Kirche einer unzählig großen Menge an Menschen – wohlgemerkt im Namen Jesu Christi – zugefügt hat, nicht ansatzweise vorstellen. Insbesondere seit der Errichtung der „Heiligen Inquisition“ als Amtshandlung seit den 1240er Jahren gab es kein Halten mehr. Zu jener Zeit ließ die Römische Kirche ihre bis dato bestialischen Häretikerverfolgungen Schritt für Schritt in Stein meißeln und „legalisierte“ so in trauter Übereinkunft mit der Kaiserlichen Krone ihre Greueltaten. Hardliner-Päpste, wie Innozenz III oder Gregor IX überließen das Inquisitionsverfahren hauptsächlich dem Dominikanerorden; die Prämisse lautete, alle Häretiker auszurotten. So lief faktisch jeder, der sich der offiziellen Kirchenlehre widersetzte und/oder sich verbotenerweise auf die Heilige Schrift und das Evangelium der Gnade Gottes berief, Gefahr, zu einem rechtlosen Häretiker stigmatisiert zu werden. Wer sich nach Auffassung der Kirche der Ketzerei schuldig machte und nicht entkommen konnte, wurde gnadenlos den grausamsten Folterungen ausgeliefert. Da dem Beschuldigten kein faires Verfahren zur Verfügung stand (Ankläger bzw. Denunzianten wurden geheim gehalten), war man definitiv hilflos der brutalsten Willkür des unanfechtbaren Inquisitors ausgesetzt. Ziel war es weitgehend, ein „Geständnis“ abzupressen und den „Verirrten“ durch adäquate Läuterungsmaßnahmen zu „erlösen“. Sehr viele Menschen erlagen bereits den Einkerkerungen und den Misshandlungen, unzählige wiederum wurden auf dem Scheiterhaufen bei lebendigem Leibe verbrannt. Die Kirche fällte das Urteil, die Zivilbehörden vollzogen die Exekution.

Zu jener Zeit schwelte an allen Ecken und Enden des römischen Kirchenreichs ein Aufbruch, der sich später endgültig in der Reformationszeit unter Martin Luther (1483-1546) zu Beginn des 16. Jahrhunderts entladen sollte. Wie nervös die Kirchenfürsten der Vorreformationszeit waren, lässt sich anhand der sich ausweitenden skrupellosen Massaker an der Zivilbevölkerung ableiten. Kaum jemand ist sich bewusst, dass die Römische Kirche ganze Kreuzzüge gegen glaubensabweichende Regionen, Länder, Städte und Dörfer organisierte und mit ihren Söldnerheeren kreuz und quer alles dem Erdboden gleichmachte, was sich ihr nicht freiwillig unterwarf (z. B. Albigenserkreuzzug, Hussitenkreuzzug, Ostkirchenkreuzzug, Kreuzzüge gegen  nicht christianisierte Völker…).

Offenbarung 14, 4-6
Und die Frau [Die Hure Babylon] war gekleidet in Purpur und Scharlach und übergoldet mit Gold und Edelsteinen und Perlen; und sie hatte einen goldenen Becher in ihrer Hand, voll von Greueln und der Unreinheit ihrer Unzucht, und auf ihrer Stirn war ein Name geschrieben: Geheimnis [gr. mysterion], Babylon, die Große, die Mutter der Huren und der Greuel der Erde.
Und ich sah die Frau berauscht vom Blut der Heiligen und vom Blut der Zeugen Jesu; und ich verwunderte mich sehr, als ich sie sah.

Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer

In der sogenannten Reformationszeit (Beginn 16. Jhdt.) wurde dann die Heilige Schrift der Römischen Kirche regelrecht entrissen. Längst war offensichtlich, dass sie sich das Wort Gottes als elitäres Machtwerkzeug einverleibte. Der bereits über jahrhundertelang andauernde Missbrauch war bereits himmelschreiend. Hinzu kommt, dass der Klerus kaum daran interessiert war, die Bevölkerung über die wahre Botschaft der Heiligen Schrift aufzuklären. Außerdem war Bibellesen außerhalb des klerikalen Duktus erstens unerlaubt, zweitens kaum möglich, weil Bibeln für das allgemeine Volk nicht zugänglich waren (Die sehr aufwändigen und teuren Bibelabschriften und Herstellungsverfahren fanden zumeist in Klöstern statt. Sie waren vornehmlich dem kirchlichen und weltlichen Adel vorbehalten.), drittens der Alphabetisierungsgrad der Bevölkerung noch sehr niedrig war und viertens außerhalb des elitären Kreises kaum jemand Latein lesen konnte. Seit Hieronymus (347-420 n. Chr.) war die Bibel der Römischen Kirche vornehmlich in Latein verfasst (ab dem 16. Jhdt. als Vulgata Bibel bezeichnet). 
Unter diesen Bedingungen war die Bibel schlichtweg chiffriert. So war es auch schwer möglich, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen, geschweige denn Lehrmeinungen und Lesearten miteinander zu vergleichen. Insofern standen die Kirchenführer – vom Bischof bis zum Dorfpfarrer – in besonders großer Verantwortung. Immerhin hatten sie sich ja zur einzig wahren Kirche erklärt und sich selbst zur alleingültigen Autorität im Namen Gottes und Jesu Christi aufgeschwungen. Alleine deshalb schon wären sie verpflichtet gewesen, dem einfachen Volk – unabhängig von jeglichem Bildungsstand – das Evangelium der Gnade Gottes nach bestem Wissen und Gewissen und Erkenntnis zu vermitteln. Dem war eben nicht so. Und in Anbetracht dessen drängt sich geradezu der Gedanke auf, dass der Klerus das Wort Gottes schlicht und ergreifend bewusst mit einer elitären Sprache (wie Latein) vom allgemeinen Volk fernhalten wollte und mit okkultem Mysterien-Geplapper permanent einzulullen und zu binden beabsichtigte. Unter diesem Blickwinkel sieht sich die Institution Römische Kirche – vom Papst bis zum Dorfpfarrer – bis zum heutigen Tag dem Vorwurf ausgesetzt, das Evangelium der Gnade Gottes über die Geschichte hinweg Abermillionen von Menschen vorsätzlich verschleiert und vorenthalten zu haben. Darüber hinaus lässt sich schlussfolgern, dass man mit dem mantraartigen, institutionalisierten Mysterien-Hokuspokus geradezu die „Büchse der Pandora“ öffnete, womit den finsteren, dämonischen Kräften regelrecht der rote Teppich ausgerollt wurde. Damit aber dieses unsägliche Geschäft nicht ins Stocken geriet, führte der Klerus alsbald die unchristliche „Exorzistenweihe“ ein, eine Art Teufelsaustreibungs-Expertise für das Priestertum, die an vermeintlich Besessenen aber auch an „abtrünnigen Christen“ angewandt wurde.
Diese ungeheuerliche Ansammlung an Irreführung, Scheinheiligkeit und Gewaltexzessen im Namen Gottes erinnert haargenau an die siebenfachen Weherufe des Herrn Jesus Christus gegen die heillose Heuchelei der Schriftgelehrten und Pharisäer (Mat 23,13-29). Der institutionelle, klerikale Machtmissbrauch mit all seinen Auswüchsen wird ebenso durch das Wort Gottes schonungslos offengelegt.

Matthäus 23,13 
Aber wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, daß ihr das Reich der Himmel vor den Menschen zuschließt! Ihr selbst geht nicht hinein, und die hinein wollen, die laßt ihr nicht hinein.

Das Evangelium muss verkündigt werden

Wir dürfen auf jeden Fall darauf vertrauen, dass es bei Gott keine Ungerechtigkeit gibt und dass der Herr Jesus Christus seine Kinder Gottes unabhängig von Herrschaftsformen, Machtverhältnissen und/oder politischen Wetterlagen einsammelt. Komme, was wolle! Selbst die finstersten Zeiten und die heftigsten Widerstände vermögen dies nicht zu verhindern. Wie und wodurch schlussendlich das Evangelium die Menschen erreicht, liegt in Gottes Hand. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das Evangelium im Heiligen Geist ist und somit als Geist der Wahrheit helfend eingreift. Gott sendet diesen Beistand nach eigenem Ermessen (1.Pet 1,12, 1.Thes 1,5, Joh 14,26). Gott lässt jedoch den Gläubigen „durch die Torheit der Verkündigung“ an der größten Rettungsaktion seit Menschengedenken teilhaben (1.Kor 1,21). Allerdings ist Gott keineswegs davon abhängig. Es ist für uns ein Gnadengeschenk ohnegleichen. Dies macht auch der Herr Jesus Christus deutlich, indem er hervorhebt, dass die Steine schreien würden, sofern seine Jünger schweigen sollten. Selbst in der Annahme, dass alle Kirchen dieser Welt verdrehte Evangelien verbreiten sollten, würde das wahre Evangelium in seiner geoffenbarten Reinheit verkündigt werden, denn es ist das Evangelium Gottes und seines Sohnes Jesus Christus.

Daraus schließen wir, dass die wahren Gläubigen zu jeder Zeit in der Geschichte gegenwärtig waren. Sie waren nie weg. Sie waren von Christus ausgesät, zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt, am richtigen Ort auftretend und für bestimmte Zwecke auserwählt. Sie sind die „Kinder Gottes“ ihrer Zeit, arrangierten sich mit den Umständen, saßen auf Kirchenbänken ebenso wie auf Anklagebänken. Sie trugen das Evangelium von Seele zu Seele, schmuggelten Bibelverse unter ihren Herzen, unter Röcken, im Haar oder sonst wo. Ein paar Bibelverse auf einem Stück Papier, was für ein Luxus!
Sie lebten die Verkündigung im Alltag durch das gesprochene Wort, wahrscheinlich viel intensiver als wir uns das in unserer wirren multimedialen Welt jemals vorstellen können – Einfach das Wort Gottes aussprechend, dem nächsten weitersagend, singend oder zuflüsternd, auf den Dächern ausrufend, Glaubensohren anregend und verständige Herzen suchend. Dabei spielte es ebenso wie heute keine Rolle, ob die Verkündigung reibungslos oder unter größten Schwierigkeiten erfolgte. Sie waren die Lichter ihrer Zeit, manchmal schlau wie die Schlangen, ein andermal arglos wie die Tauben. Doch das Evangelium musste verkündigt werden (Mk 13,10). Wie einfach, klar und verständlich Verkündigung sein kann, erfahren wir vom Herrn Jesus Christus. Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! (Luk 9,60). So einfach ist das. Wir brauchen vor allem nur den Mund aufmachen, schlicht den Nächsten anstupsen und ungeniert auf das Reich Gottes hinweisen. Was dann passiert liegt nicht in unserer Hand. Der Apostel Paulus macht den Vorgang durch ein Jesaja-Zitat deutlich: »Die, denen nicht von ihm verkündigt worden ist, sollen es sehen, und die, welche es nicht gehört haben, sollen es verstehen« (Röm 15,21, Jes 52,15).

Markus 13,10 
Und allen Heidenvölkern muß  zuvor das Evangelium verkündigt werden.

So wandelt in Christus gefestigt im Glauben

Die „Kinder des Reichs“ wussten immer schon, dass das Reich Gottes nicht von dieser Welt ist, weil sie dem Wort Gottes Glauben schenkten und weil ihnen bewusst gemacht wurde, dass sie hier auf Erden Fremdlinge sind (1. Pet 1,17). Daher finden sich ihre abertausendfachen Lebensgeschichten und Zeugnisse auch nicht in den Geschichtsbüchern dieser Welt wieder. Denn die Geschichtsschreibung dieser Welt schmückt ihre eigene Niedertracht. Sie dekoriert das Böse und zelebriert die Lüge. Sie ist ein beredtes Zeugnis des Auftürmens und Niederreißens, des Aufzüchtens und Abschlachtens, des Kriegsgeschreis und des Friedensgejohles gleichermaßen. Sie ist fürwahr eine gewaltige Bibliothek des Größenwahns, ja die Beurkundung des immerwährenden aussichtslosen, wahnhaften Ansturms gegen die Göttliche Wahrheit. Die Schrift lehrt uns, dass der böse Mensch aus seinem bösen Schatz das Böse hervorbringt (Mat 12,35). Die bösen Schätze dieser Welt allerdings offenbaren wiederum die Kinder des Bösen (Vergl. Mat 13,36-43). Wer sich also fassungslos die Augen reibt, weil einfache, gottesfürchtige Menschen wie Schwerstverbrecher eingelocht, gefoltert und dem Henker ausgeliefert werden, der hat immer noch nicht begriffen, dass das absolut Böse diese Welt regiert und dass wir uns in einem knallharten geistlichen Krieg befinden. Dieser Krieg hat nur eines zum Endziel, nämlich die ganze Welt dem Bösen zu unterwerfen. Doch weil den Kindern des Bösen das Reich Gottes entzogen und das Evangelium verhüllt ist (weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben) und eine Landnahme definitiv unmöglich ist, prügeln sie auf die Kinder Gottes in der Absicht und Fehleinschätzung ein, das Reich Gottes zerschlagen zu können. Hier wird besonders deutlich, dass derartige Übergriffe um des Namens Jesu Christi willen geschehen (Joh 15, 21). 
Die elendslange Blutspur der zahlreichen kleinen Leute, Männer, Frauen, Väter, Mütter, jung und alt zieht sich bis zum heutigen Tag durch die Geschichte. Sie sind die Märtyrer ohne Andenken; Ehrlose im Morast der Erschlagenen, Niedergetretene des klerikal-politischen Totalitarismus der jeweiligen Epoche. Sie kämpften den guten Kampf des Glaubens, auch für uns. Und nicht alle Geschichten konnten von den Machthabern ausgelöscht, retuschiert oder wegrelativiert werden. Ein derartig tragisches Beispiel hebt der namhafte Bibellehrer und Aufklärer Dave Hunt in seinem Buch „Die Frau und das Tier“ hervor. Er berichtet von einem gewissen Ehepaar Munstdorp, das in Antwerpen im Gefängnis saß und auf die Hinrichtung wartete. Hans van Munstdorp schrieb auszugsweise folgenden Brief an seine Frau: 

Meine innigsten Grüße an dich, meine geliebte Frau, der ich dich aus tiefstem Herzen liebe … und dich der Wahrheit wegen verlassen mußte, um derentwillen wir auch alles als Verlust achten und Ihn über alles lieben … mein Geist hält immer noch standhaft an der ewigen Wahrheit fest. Ich hoffe durch die Gnade des Herrn, daß dies auch die Gesinnung deines Geistes ist, was zu hören mich erfreuen täte. Hiermit ermuntere ich dich mit dem Apostel: „Wie ihr nun angenommen habt den Herrn Christus Jesus, so wandelt in Ihm und seid verwurzelt und gegründet in Ihm und fest im Glauben, und sehet zu, daß ihr nicht von eurem Ziele abgebracht werdet …“

Nachdem ihr Mann hingerichtet worden war und sie im Gefängnis ein Kind zur Welt gebracht hatte, schrieb Janneken Munstdorp am 19. September 1573 einen Abschiedsbrief für ihre kleine Tochter. Er war eine lange Ermahnung, für Christus zu leben, voller Bibelzitate und Belehrungen aus Gottes Wort, damit ihr Kind, wenn es heranwächst, auf dem Weg geleitet wird. Dieser kurze Auszug aus diesem Brief zeigt die Liebe und den Glauben einer jungen Mutter und Märtyrerin:

Die wahre Liebe Gottes und Weisheit des Vaters stärke dich in aller Tugend, mein liebstes Kind … Ich befehle dich dem Allmächtigen, dem großen und furchtbaren Gott an, der allein weise ist, dich zu bewahren und in Seiner Furcht aufwachsen zu lassen … du, der du noch so jung bist und ich dich doch hier in dieser bösen, gottlosen und verkehrten Welt zurücklassen muß. Weil … du hier deines Vaters und deiner Mutter beraubt bist, werde ich dich dem Herrn anbefehlen; Er lasse dir nach Seinem heiligen Willen geschehen … Mein liebstes Lamm, ich, die ich hier gefangen bin … vermag dir auf keine andere Weise zu helfen; ich mußte deinen Vater um des Herrn Willen verlassen … Wir wurden gefangen genommen … und sie nahmen ihn mir fort … Und nun, da ich dich nun neun Monate lang in großer Sorge unter meinem Herzen barg und dich hier im Gefängnis unter argen Schmerzen geboren habe, haben sie dich mir genommen … Weil ich nun dem Tode ausgeliefert bin und dich hier allein zurücklassen muß, ermahne ich dich mit diesen Zeilen, sobald du deine Verstandeskraft erlangt hast, danach zu trachten, Gott zu fürchten und danach zu fragen, weshalb und für wessen Namen wir beide sterben mußten; und schäme dich nicht … unseretwegen, das ist der Weg, den die Propheten und die Apostel gingen, und der schmale Weg, der zum ewigen Leben führt …“

Kolosser 2, 6-7
Wie ihr nun Christus Jesus, den Herrn, angenommen habt, so wandelt auch in ihm,
gewurzelt und auferbaut in ihm und gefestigt im Glauben, so wie ihr gelehrt worden seid, und seid darin überfließend mit Danksagung.

Das Evangelium | Die Finsternis hat es nicht begriffen | Teil 2

Teil 2 | in Kürze

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Das Leben Jesu

Arnold G. Fruchtenbaum Der folgende Beitrag ist ein Auszug einer zwanzigstündigen Vortragsreihe des amerikanischen Judenchristen Arnold G. Fruchtenbaum. Im Mittelpunkt der Auslegung des Autors stehen

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